Soll man Stillen und worauf muß man achten?

Aus Sicht der Entwicklungspsychologie und der Bindungsforschung hat das Stillen einen sehr hohen Stellenwert in der frühkindlichen Entwicklung.

Die ersten Lebensmonate sind entscheidend für die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Sie legen den Grundstein für die gesamte spätere Entwicklung, für das Erleben von Sicherheit und Angenommensein, für die Fähigkeit zu vertrauen und die Fähigkeit zur Bindung. Je tiefer, inniger und näher die Bindung zwischen Eltern und Kind in den ersten Lebensmonaten, desto größer die Fähigkeit des Kindes, im späteren Erwachsenenleben kompetent und sensibel mit anderen Menschen und ihren Bedürfnissen umzugehen. Ein Baby, das eine sichere Bindung erleben durfte, wird in seinem gesamten weiteren Leben auf eine damit verbundene Selbstsicherheit und Empathiefähigkeit bauen können.

Stillen ist die intensivste Form, Bindung herzustellen. Es bietet eine einzigartige Verbindung von emotionaler und körperlicher Nähe, bei der das Baby die Möglichkeit hat, sich vollständig zu überlassen und darin sicher angenommen und aufgehoben zu sein.
Die Stillzeit fällt in den Zeitraum der so genannte oralen (von lat. orasis: der Mund) Phase (Geburt bis ca. 2. Lebensjahr). In diesem Zeitraum wird das Urvertrauen aufgebaut. Das Baby ist fokussiert auf den oralen Bereich, was vom Saugen an der Brust bis zum in den Mund nehmen aller möglichen Gegenstände reicht. Das Stillen verbindet hier die bestehende Entwicklungsphase der Oralität mit einem Bindungsangebot durch die Mutter.

Zu beachten ist beim Stillen insbesondere eine innere Beteiligung der Mutter. Es ist hilfreich, wenn sie sich währenddessen gedanklich und emotional auf ihr Kind konzentriert und Stillen nicht als „Nebenher-Beschäftigung“ gestaltet. Ein Augenkontakt oder ein Streicheln vermitteln dem Kind Bindungssicherheit.

Wer sich mit dem Stillen schwer tut, kann sich von einer Hebamme oder einer speziell ausgebildeten Stillberaterin unterstützen und beraten lassen. Wer aus medizinischen Gründen nicht stillen kann (zum Beispiel auf Grund von Hohlwarzen oder durchtrennten Milchgängen nach einer Brustoperation) sollte dennoch nicht auf größtmögliche Nähe beim Füttern verzichten. Auch beim Verabreichen der Flasche kann das Kind unterstützt werden durch einen intensiven Kontakt mit der Mutter, durch Hautkontakt, durch eine ruhige, behagliche Ecke und durch Augenkontakt.

Zusätzlich zu den genannten psychologischen Komponenten ist Stillen auch aus medizinischer Sicht bedeutsam. Es gilt heute als gesichert, dass eine Stillzeit von mindestens vier bis sechs Monaten die Säuglingssterblichkeit und die Brustkrebsrate reduziert. Empfohlen wird darüber hinaus eine Kombination von Stillen und Beikost zumindest bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr. Begründet wird dies mit der exakten Passung der Muttermilch hinsichtlich der Nährstoffzusammensetzung in Bezug auf die Bedürfnisse des Kindes, nicht zuletzt in Anbetracht der Entwicklung seines Immunsystems. Darüber hinaus fanden mehrere Langzeitstudien zum Einfluss des Stillens auf die Intelligenzentwicklung heraus, dass die gestillten Kindern einen signifikant höheren IQ aufweisen, als jene, die nicht gestillt worden sind.

3 Kommentare zu “Soll man Stillen und worauf muß man achten?”

  1. [...] Stillen: Ein umstrittenes Thema, über das zu Reden wohl niemals ein Ende in Sicht ist. Also will auch ich meinen Senf dazu geben. Viele Mütter stellen sich die Frage schon lange bevor sie überhaupt Kinder bekommen: Soll man Stillen und worauf muss man achten? [...]

  2. Sandra Barrenscheen sagt:

    Durch das Stillen entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen Mutter und Säugling. Das Baby braucht genau das, was ihm die Mutter durch das Stillen geben kann. Nahrung, Wärme und Zuwendung.
    Beide sind stark miteinander verbunden. Das Kind ist in dieser Zeit allein auf seine Mutter angewiesen und hauptsächlich bezogen. Diese scheint noch ein Stück weit eins mit ihrem Kleinen zu sein. Es ist noch nicht vollständig von der Mutter getrennt, auch wenn es nicht mehr im Mutterleib wohnt und durch die Nabelschnur mit dem „Mutterschiff“ verbunden ist. Erst nach dem Abstillen des Kindes handelt es sich um eine eigene Person, da es vorher nicht vollständig abgenabelt lebensfähig ist. Genau diese Situation scheint die Natur zur Schaffung des Urvertrauens zu fordern, wie auch im Tierreich als Parallele zu beobachten. Die Mutter ist ausschließlich für den Nachwuchs da. Und dadurch wird der erste Abnabelungsprozess nicht zu rasant und schmerzvoll vollzogen.
    Eine innige Beziehung entsteht durch die orale Stimulation. Da das Kind mit dem Mund in der oralen Phase am intensivsten fühlt, so fühlt es auch die Mutter so am Besten.
    Das Stillen beeinflusst das Leben von Mutter und Kind in vielerlei Hinsicht, meist tiefgründiger, als erwartet.

  3. Waltraud R. sagt:

    Die besten Erfahrungen zum Thema kommt immer von Eltern und nicht von Ärzten oder Wissenschaftlern… Hier mehr Diskussionen zum Thema “Stillen”

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