Reif für die Schule?
Flexible Regelungen erleichtern mittlerweile Frühstartern und Spätzündern einen erfolgreichen Schulbeginn.
Franzi kommt nach den Sommerferien in die erste Klasse. Der Grund: Franzi wird am 15. Mai dieses Jahres sechs Jahre alt und ist damit ein schulpflichtiges, ein sogenanntes Muss-Kind. Zusammen mit den anderen Kindern ihres Jahrgangs, die bis zum 30. September 2008 (Stichtag in Hamburg) ihren sechsten Geburtstag feiern, wird sie am 2. September, mit Schultüte im Arm und dem neuen Ranzen auf dem Rücken, zum ersten Mal ihr Klassenzimmer betreten. Gemeinsam mit Franzi werden etwa ein Drittel sogenannte „Kann-„ und „Darf-Kinder“ neugierig die neue Lehrerin anschauen. Diese Kinder sind am Stichtag erst fünf Jahre alt, werden aber auf Wunsch ihrer Eltern früher eingeschult.
Dies ist ein deutlicher Trend in Deutschland. Der Erziehungswissenschaftler Prof. Peter Struck führt ihn unter anderem darauf zurück, dass es immer mehr früh geförderte Kinder gibt: „Mädchen sind heute außerordentlich oft mit fünf Jahren schulreif, Jungen nicht ganz so häufig“, erklärte der Familien-Experte. Auch Bildungs- und internationale Vergleichsstudien legen einen früheren Schulstart nahe. Die Folge: Viele Bundesländer lockern die Einschulungsbestimmungen, erweitern die Stichtagsregelungen oder machen gar zwei Einschulungstermine pro Jahr möglich. Die örtlichen Schulämter und der Bildungsserver informieren Eltern über die aktuellen Regelungen und Fristen (www.bildungsserver.de/zeigen.html?seite=1863).
Als „Muss-Kind“ wurde Franzi automatisch von der nächstgelegenen Grundschule zum Vorstellungstermin eingeladen. Eltern von „Kann-Kindern“ – in den meisten Bundesländern Kinder, die bis zum Jahresende sechs Jahre alt werden – oder „Darf-Kindern“ – Kinder, die erst im Folgejahr sechs Jahre alt werden – müssen dagegen die Einschulung aktiv vorantreiben. Oft genügt ein formloser Antrag bei der zuständigen Grundschule. Je nach Alter des Kindes und Bundesland sind zusätzlich Beurteilungen von Kinderärzten, Schulärzten oder sogar Schulpsychologen nötig, um einen vorzeitigen Start durchzusetzen. Ein Anruf bei der Grundschule oder beim Schulamt klärt den bürokratischen Ablauf.
Aber: Woran können Eltern eigentlich erkenne, ob ihr Kind fit für den Schulalltag ist? Wackelnde Milchzähne allein sind aj schon lange kein Indiz mehr für Schulreife. Heute gibt es bessere, ganzheitlichere Kriterien. (Siehe Artikel: Checkliste – Ist mein Kind schulreif?).
Bei Franzis Vorstellungstermin versuchte ihr zukünftiger Schulleiter, diese Fähigkeiten zu checken. Das sah – verkürzt – so aus: Der Schulleiter fragte Franzi, ob sie einen Kindergarten besuche, und Franzi erklärte kess, dass sie dort sogar zu den „Bestimmern“ gehöre und „den kleinen Rotznasen“ beim Rausgehen immer in die Schuhe und Jacken helfen müsse. Danach plauderte der Direktor kurz mit der Mutter über die Familiensituation und fragte, wie Franzis U9 gelaufen sei. Derweil saß Franzi souverän und für ihre Verhältnisse ruhig daneben, malte dem netten Mann ein farbenfrohes Haus-Sonne-Wolken-Wiese-Baum-Schmettelring-Bild und wurde schließlich für schulfähig erklärt.
Bei anderen Kindern, zum Beispiel Fünfjährigen, die zwar schnell lernen, aber ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben, ist die Entscheidung für oder gegen eine Einschulung oft schwieriger. „Gespräche mit dem Kinderarzt, mit den Erziehern im Kindergarten oder der Besuch eines Probeunterrichts, wie ihn viele Schulen anbieten, helfen Eltern herauszufinden, wie schulfit ihr Kind wirklich ist“, rät hier Prof. Struck.
Auch wer sein Kind beim Spielen oder beim Erledigen kleiner Aufgaben genau beobachtet, kann seinen Entwicklungsstand abschätzen. Wichtig ist es zudem, die schulischen Rahmenbedingungen zu checken. Gibt es für Frühstarter die Möglichkeit, ohne großen Aufwand in eine Vorschulklasse zu wechseln? Ab wann wird die Leistung des Kindes benotet? Wer entscheidet nach der vierten Klasse über seine weitere Schullaufbahn? Leider haben sich auch hier die Bundesländer nicht auf allgemeine Standards geeinigt.
In der Klasse von Franzi werden ab September aber nicht nur normal entwickelte Sechsjährige und pfiffige Frühstarter sitzen, sondern auch Kinder, die noch nicht auf dem Stand der Dinge sind. „Grundschulen sollen heute möglichst alle Kinder eines Jahrgangs und alle schulfähigen jüngeren Kinder einschulen und sie anschließend ihren Fähigkeiten entsprechend fördern. Nur noch in Ausnahmefällen werden schulpflichtige Kinder zurückgestellt oder gleich in Förderschulen aufgenommen“, erklärt eine Schulpsychologin.
Die Idealvorstellung der Bildungspolitik: die schwachen Kinder bekommen Förderstunden oder pädagogische Zuwendung, die starken Kinder erhalten Zusatzaufgaben. Doch Wunsch und Wirklichkeit sind oft weit voneinander entfernt: „Einerseits will die Schule jedem einzelnen Kind eine gute Chance auf Bildung bieten. Andererseits aber erfolgt das Lernen wegen großer Klassen und häufigem Unterrichtsausfall oft im Gleichschritt. Zudem wird durch Vergleichstests der Leistungs- und Zeitdruck erhöht. Das passt nicht zur Philosophie des individualisierten Lernens“, gibt die Schulpsychologin zu bedenken.
Um jedem Kind ein erfolgreiches Lernen zu ermöglichen, haben einige Bundesländer die flexible Einstiegsphase eingeführt. Die funktioniert so: Die ersten beiden Grundschuljahre werden als Einheit betrachtet. Je nach Entwicklungsstand bleiben die Kinder ein, zwei oder drei Jahre in dieser Einheit, bevor sie in Klasse drei versetzt werden, wo es oft die ersten Noten gibt.
Die Vorteile dieses flexiblen Systems liegen für Prof. Struck auf der Hand: „Jedes Kind kann ohne Auswahlverfahren eingeschult werden. Die Spätzünder haben Zeit zu reifen, die Schnelllerner können problemlos eine Klasse überspringen, und die Eltern von „Kann-Kindern“ gehen kein Risiko ein.“ Weil es solche Schulmodelle leider nicht überall gibt, bleibt vielen Eltern nichts anderes übrig, als ihr Kind an der Schule anzumelden, in deren Einzugsgebiet sie wohnen.
Dennoch lohnt es sich, nach Alternativen Ausschau zu halten und sie zu prüfen. Dazu bieten sich zum Beispiel Aktionstage, Flohmärkte, Sommerfeste und Tage der offenen Tür an, bei denen man am Würstchengrill mit Lehrern und Eltern ins Gespräch kommt und dabei oft mehr über die Besonderheiten der Schule erfährt als durch schicke Flyer oder Internetauftritte.
Um sein Kind an einer anderen als der zugewiesenen Schule anmelden zu können, müssen Eltern allerdings nachvollziehbare Gründe angeben – z.B. verlässliche Öffnungszeiten als Voraussetzung für die eigene berufliche Tätigkeit. Die Anmeldung an einer privaten Schule müssen Eltern indes nicht begründen.