Kinderlähmung – noch immer eine Gefahr?
Die Kinderlähmung (Poliomyelitis, oft einfach nur kurz Polio genannt), wird durch ein Virus verursacht, das vor allem Gehirn und Rückenmark befällt. Seit der Einführung der Schluckimpfung tritt sie in Mitteleuropa nur noch selten auf; ein größeres Infektionsrisiko besteht jedoch bei Reisen in afrikanische oder asiatische Länder. Bedroht sind nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene ohne ausreichenden Impfschutz.
Anstecken kann man sich über verunreinigtes Wasser oder Nahrungsmittel, gefährlich ist das Baden in stehenden Gewässern. In den meisten fällen ist die Erkrankung nach grippeähnlichen Beschwerden überstanden und der Betroffene lebenslang immun gegen eine Zweitinfektion mit diesem Virus. Da es jedoch drei Typen des Polio-Virus gibt, unter denen keine Kreuzimmunität besteht, kann man trotzdem mit einem der anderen Virentypen infiziert werden.
Nur etwa ein Zehntel aller Infizierten durchläuft das zweite Stadium, das nach einem fieberfreien Intervall von ein bis drei Tagen in eine Gehirnhautentzündung übergeht. Nur bei jedem Tausendsten kommt es nach weiteren zwei Tagen zum dritten Stadium mit bleibenden Lähmungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen und – schlimmstenfalls – lebensbedrohlichen Lähmungen des Atem- und Kreislaufzentrums.
Leider sind die Symptome einer Kinderlähmung anfangs sehr diffus. Es treten grippeähnliche Beschwerden mit Fieber, Abgeschlagenheit und Halsschmerzen, aber auch Erbrechen, gelegentlich auch Bauchschmerzen, Durchfall und Verstopfung und seltener Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit auf. Wenn Sie bei Ihrem Kind (oder bei sich selbst) Anzeichen einer Kinderlähmung bemerken, muss sofort ein Arzt hinzugezogen werden. In schweren Fällen ist eine Einweisung ins Krankenhaus nötig, denn wenn die Lähmung auch die Atemmuskulatur befällt, hilft nur künstliche Beatmung. Da es kein spezielles Heilmittel gegen Kinderlähmung gibt, versuchen die Ärzte, die Beschwerden mit Schmerzmitteln und entzündungshemmenden Medikamenten zu lindern. Feucht-heiße Packungen haben sich bewährt bei den oft quälenden Muskelschmerzen und Krämpfen im akuten Stadium. Beginnen sie so früh wie möglich mit Krankengymnastik. Das trägt dazu bei, Muskelschäden zu verhindern.
Eine eiweiß- und vitaminreiche Ernährung sowie reichliches trinken unterstützen den Körper bei der Genesung. Erstaunliche Erfolge berichten einige Patienten mit Entspannungstechniken wie Yoga und Meditation, was bei kleineren Kindern natürlich schwierig einzusetzen ist. Bleiben trotz allem Lähmungen zurück, bedeutet das in den wenigsten Fällen ein Leben im Rollstuhl. Dennoch braucht es Zeit, um die zwangsläufigen Veränderungen seelisch zu bewältigen. Denken Sie immer daran: Niemand ist weniger wertvoll, nur weil er sich auf etwas andere Art fortbewegt als seine Mitmenschen und versuchen Sie, dies Ihrem Kind zu vermitteln.
Glücklicherweise ist aufgrund der konsequenten Impfung in Deutschland seit 1990 keine Ansteckung mehr vorgekommen und 1992 gab es die letzte eingeschleppte Infektion. In diesem Jahre verzeichneten die Niederlande die letzte Polio-Epidemie. In den USA dagegen erlebte man noch im Jahre 2005 einen Ausbruch der Krankheit unter den Amish People. Diese strenggläubigen Amischen lehnen, ebenso wie einige fundamentalistisch-calvinistische Gruppierungen, aus religiösen Gründen Impfungen ab. Man geht derzeit von weltweit etwa 1500 Neuerkrankungen pro Jahr aus, vor allem in Indien, Pakistan, Myanmar, Afghanistan, Nigeria und der demokratischen Republik Kongo. Da viele Menschen inzwischen in den Industrieländern Impfungen skeptisch gegenüberstehen und man außerdem vielfach leichtsinnig geworden ist, weil es schon so lange keine Polioerkrankung bei uns mehr gab, steigt die Gefahr wieder, dass sich die Kinderlähmung ausbreiten könnte. Wenn das Ziel der WHO (World Health Organization = Weltgesundheitsorganisation), in den nächsten Jahrzehnten das Poliovirus gänzlich auszurotten, erreicht werden soll, setzt dies eine weltweite, nicht nachlassende Impfbereitschaft voraus.