Kinder im Sog der Konsumgesellschaft

Es gibt ein Thema, das zunehmend brisanter wird: Kinder! Kinder sind der Werbung liebste Kundschaft. Für immer weniger Kinder stehen immer mehr Produkte zur Verfügung: Noch nie gab es einen so riesigen Markt für Kinder wie in unserer Zeit. Kinder haben eigene Fernsehkanäle. Nonstop können sie auf dem Bildschirm andere Kinder sehen: Was die alles haben! Was die alles dürfen! Was die alles können! Da möchte man doch glatt mit ihnen tauschen! Aber weil selbst den Kleinen einleuchtet, dass das nicht so einfach geht, treibt sie die Frage um: „Wie bringen wir unsere Eltern auf Trab, damit sie all die schönen Fernsehherrlichkeiten mitten ins Wohnzimmer holen?“ Vielleicht gehen sie geradezu strategisch vor, um ihre Wünsche durchzusetzen. Haben sie einmal Erfolg, entfalten die nimmersatten kleinen Quälgeister einen schier unbegrenzten Einfallsreichtum, um alles möglichst sofort und auf einmal zu bekommen. Sie wollen immer mehr, weil all der Kram und Plunder sie nicht wirklich satt macht.

Nähe, Zuwendung und Zeit sind Werte, die kein Laden der Welt Kindern bieten kann. Sie sind aber das, was Kinder wirklich brauchen, um sich selbst, ihren Körper, ihre Gefühle, ihre Seele zu entdecken und über die erste Bindung an die Eltern ihre Beziehungen zu anderen Menschen zu formen. Nicht kaufen, sondern sich kümmern ist angesagt! Wenn wir verhindern wollen, dass unsere Kinder Schaden nehmen, müssen wir ihnen anders begegnen. Vor allem dürfen wir nicht länger zulassen, dass unsere Kinder ihre Kindheit im Sitzen (vor dem Fernseher) verbringen. Denn sie haben Hände und Füße, Augen, Ohren, Haut und Nase und jede Menge Neugier und geballte Energie. Kinder lernen durch Bewegung, durch Tun, durch Ausprobieren und Hantieren mit Werkzeug und die Sinne schärfenden Materialien. Sie lernen durch Versuch und Irrtum, durch Erfolg und Misserfolg.

Darüber und über die Rückkehr zu den von Natur aus bescheidenen Ansprüchen der Kinder, die sich bedingungslos geliebt wissen, sollten wir mehr nachdenken. Es stimmt nicht, dass Eltern unserer Konsumgesellschaft wehrlos ausgeliefert sind und zusehen müssen, wie ihre Kinder in den Strudel vermeintlicher Bedürfnisse und Zwänge geraten. Vielmehr sind die Erwachsenen gefordert, Einhalt zu gebieten. Und unterschätzen Sie Ihre Kinder nicht. Sie sind wahre Lebenskünstler und meist bereit, alle Wege der Erwachsenen mitzugehen.

Entgegen weit verbreiteter Meinung akzeptieren Kinder auch Grenzen, wenn sie sinnvoll sind. Oft setzen Kinder sogar ihre ganze Kraft ein, um ihre Eltern so lange zu provozieren, bis ihnen Einhalt geboten wird. Als schwach erleben Kinder ihre Eltern, wenn diese ihnen jeden Wunsch, jeden Überfluss gewähren, jeden Unsinn durchgehen, sich ständig von ihnen manipulieren lassen. Dadurch fehlt ihnen (Ein-)Halt, sie finden keine Geborgenheit. Irgendwann wird es ihnen zu bunt, und sie übernehmen selbst das Kommando über ihre Eltern.

Unsere Kinder sind keine geborenen Konsumlöwen. Jedem unmäßigen Habenwollen liegt ein Mangel an selbstbestimmtem Tun zugrunde. Nur durch aktives Tun und Gestalten erwerben Kinder Fertigkeiten und Fähigkeiten, die sie kompetent und selbstbewusst machen. Und nur ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein bewahrt Kinder davor, jeder Mode, jedem Trend nachzueifern, um durch Markenbewusstsein Persönlichkeitsdefizite zu kompensieren. Hier können wir als Eltern unterstützend eingreifen.

Konsum, der von der Werbung im Fernsehen mächtig angeheizt wird, verführt bereits Kinder allzu leicht zu Maß- und Ziellosigkeit. Ständig werden ihnen neue Bedürfnisse und Begehrlichkeiten aufgeschwätzt: Was muss man nicht alles haben, um „in“ zu sein und mit den anderen mithalten zu können! Hier sind Eltern gefordert, mit Augenmaß und wachem Gespür gegenzusteuern – gleich, ob es sich um einen vermeintlich unentbehrlichen Markenartikel handelt oder um den ungezügelten „Verzehr“ von Fernsehsendungen. Denn die Erfahrung lehrt: nach dem reinen Lust- und Wunschprinzip kann keiner auf Dauer leben; Maß-halten-Können dagegen zeigt Erwachsenwerden an.

Eines sollte man allerdings bedenken: Verbotenes reizt doppelt! Unsere Kinder sind erfinderisch. Schon manche Eltern haben sich gewundert, wieso ihr Kind, trotz Fernsehverbot, so gut über das Programm Bescheid weiß. Der Schulfreund hat natürlich auch einen Fernseher, und so verlegt das Kind die Erledigung der gemeinsamen Hausaufgaben in ein fremdes Wohnzimmer und kommt dort auf seine Kosten. Fernsehverbot als Strafmaßnahme macht Fernsehen erst richtig spannend!

Wenn Kinder meinen, ohne einen bestimmten Artikel, der gerade Mode ist, nicht auskommen zu können, kann ein striktes Verbot zu Heimlichkeiten führen, so dass das begehrte Objekt hintenherum angeschafft wird. Wenn es unbedingt sein muss, erfolgt der Kauf besser mit Zustimmung der Eltern. Wenn das Taschengeld dafür nicht ausreicht, sollten Eltern auch mal einen Vorschuss gewähren. Dies wird schriftlich vereinbart – möglichst im Haushaltsbuch, das alle einsehen können. Die Rückzahlungsraten werden ebenfalls festgelegt. Manchmal braucht das Kind einfach die Erfahrung, dass es sich einen Wunsch erfüllen kann. Andererseits lernt es daraus auch, dass nicht jedem Herzenswunsch eine vernünftige Kaufentscheidung entspringt. Spätestens wenn die Rückzahlungsraten fällig werden, wird es sich fragen, ob die Sache den ganzen Aufwand wert war.

Auch auf andere Weise können Sie Ihrem Kind dabei helfen, warten und richtig wünschen zu lernen. Unstrittig sehen Kinder gern Werbung. Die lehrt sie, was man sich alles wünschen kann. Wenn Ihre Kinder das nächste Mal gerade wieder eifrig mit Wünschen beschäftigt sind, dann wünschen Sie doch einfach mit! Wünschen Sie sich alles, was ins Bild kommt. Ihre Kinder werden staunen! Was wäre, wenn alle Wünsche schlagartig in Erfüllung gingen? Wahrscheinlich müssten Sie dann die Nacht im Freien verbringen, weil all die schönen Sachen Ihnen den Platz wegnehmen. Die Praxis zeigt: Mit ein wenig Humor kommen sich die Kinder eher auf die Schliche als durch trockene Lehrgespräche über sinnvolle und unsinnige Wünsche. Verteufeln Sie die Sehnsüchte Ihres Kindes nicht. Kinder können lernen, mit Maß und Ziel zu wünschen, wenn die Wunscherfüllung nur lange genug auf sich warten lässt. Reden Sie zunächst mit Ihrem Kind über seinen Wunsch, damit ihm bewusst wird, was es sich eigentlich wünscht, und lassen Sie es sich erkundigen, ob sich die Anschaffung auch wirklich lohnt.

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