„Richtige“ Elternschaft – aber wie?
Viele schwangere Frauen beklagen heute, dass sie ihren Bauch mit dem behandelnden Frauenarzt und seinem Labor teilen müssen. Wer schwanger ist, begreift ziemlich rasch, dass dies eher ein wissenschaftliches denn ein freudiges Ereignis ist. Klar: Das eine Kind, zu dem man sich mit dem Partner, oft nach vielen Diskussionen und langer Wartezeit, entschlossen hat, muss einfach bestens geraten! So beugt sich die Mutter zunächst dem Fachwissen ihres Frauenarztes, ihrer Hebamme und schließlich der Kompetenz des Kinderarztes. Sie lernt dabei ganz unterschwellig, dass andere weit besser sind als sie selbst, die eigentlich nur ein biologisches Werkzeug darstellt.
Was alle Säugetiere können, Menschenmüttern traut man es kaum noch zu: stillen. Es gibt viele Theorien über das Stillen. Es gibt Befunde über Schädlichkeit und Nutzen der Muttermilch. Wem soll die Mutter glauben?
Da sie gelernt hat, dass sie selbst es am wenigsten weiß, entschließt sie sich wohl oder übel, wenigstens einem ihr Vertrauen zu schenken. In der Regel ist dies der behandelnde Kinderarzt. Und was man darüber hinaus noch so alles hört, sieht und liest, kann ja auch nicht ganz verkehrt sein.
Bald gibt es im Leben der Mutter mehrere Instanzen, die ihr sagen, wo’s langgeht. Und je mehr andere sagen, was richtig ist und was geschehen soll, desto mehr verkommt, was die Natur allen Müttern mitgegeben hat: der Mutterinstinkt.
Doch wer kann einer Mutter verbieten, nach dem zu handeln, was ihr von der Natur mitgegeben worden ist? Neugeborene kommen nicht gleich mit den Gegebenheiten außerhalb des Mutterleibes zurecht. Sie schreien geradezu nach Hautkontakt, Wärme und Wiegen, nach der engen Umklammerung, dem Umschlossensein, das vor der Geburt noch ganz selbstverständlich war – was soll da der fachkundlich fundierte Rat eines Kinderarztes, das intensive Körperkontaktbedürfnis des Säuglings zu unterbinden, weil dieser sonst verwöhnt wird?
Wo so wenig Spielraum bleibt für eigenes, instinktsicheres und kreatives Handeln, tun sich neue Räume auf. Die Werbung appelliert endlich einmal an das, was Mütter auch empfinden möchten: Verantwortung. Wer sein Kind liebt, gibt ihm das Beste, was auf dem Markt ist. Man muss nur wählen – vorhanden ist alles.
Wie aber wählt man? Windeln, Cremes, Nahrungsmittel werden in der Werbung von Babys und Kleinkindern vorgeführt. Das wird nach folgendem Muster inszeniert: Eine Agentur wählt aus dem Riesenangebot anbietungswilliger Eltern das niedlichste Geschöpf aus, an dessen Po die wasserdichte Windel sich ausnimmt wie eine Königskrone. Gäbe es schon das Geruch aussendende Fernsehen, so würden diese kleinen Reklamehelden allesamt die kostbarsten Parfüms ausscheiden.
Wenn nur das Beste angeboten wird, bleiben kaum Auswahlkriterien. Kein Windelhersteller wird den Eltern verraten, dass Windeln, die jede Nässe vom Kind fernhalten, verhindern, dass Harndrang und unangenehme Nässe vom Kind in Zusammenhang gebracht werden können – die Blasenkontrolle bleibt lange aus.
Da also keine echten Auswahlkriterien vorliegen, geben Mütter schließlich dem niedlichsten Werbeträger den Vorzug: „Windeln, die dieser süße Wonnebrocken trägt, können meinem Kind nicht schaden“ – diese Devise reicht bis weit in alle Ecken des umfangreichen Kinderproduktmarktes, soweit er öffentlich beworben wird.
Kinder kosten Geld. Eltern, die sich für ein Kind entschieden haben, müssen in der Regel auf anderen Gebieten zurückstecken. Schaut man sich heute Babys und Kleinkinder in der Öffentlichkeit an, fällt auf, dass sie alle fast zum Verwechseln ähnlich prächtig ausstaffiert sind. Kommt das Kind ins Sitzalter, wird es mit dem Rücken zur Mutter in den Sportwagen gesetzt, damit es die Welt so richtig genießen kann. Die Eltern begnügen sich meist mit dem Anblick des Hinterkopfes ihres Kindes. Warum? Alle machen es so, und im Fernsehen wird es auch nicht anders vorgeführt. Ignoriert wird die Tatsache, dass kleine Kinder nichts lieber sehen als ihre Mutter. Sie allein ist der ruhende Punkt in dem Chaos von Eindrücken. Nur in ihrem Gesicht kann das Kind lesen, ob Situationen bedrohlich oder unbedenklich sind. Fehlt der Blickkontakt, muss das Kind allein sortieren, klarkommen oder mit Verwirrung kämpfen.
Wer so früh so vielen Eindrücken frontal ausgeliefert ist, wird sich vor dem Fernseher bald nicht mehr fürchten. Gewollt? Unbedacht getan?
Wenn alle ein Fläschchen haben, wenn die Werbung sagt: „So ist es richtig“, mag man dieses Kleinod dem eigenen Kind nicht versagen. Und so sitzen sie da, angetan mit Markenartikelstirnband und –hose, ohne Blickkontakt zur Mutter, und halten sich an ihren Flaschen fest. Wo sonst auch? Und wenn es unheimlich wird – schnell einen Schluck, eine Runde tröstliches Saugen. Die Mutter hinter der Sportkarre bekommt das gar nicht so recht mit. Sie wundert sich bestenfalls, wie oft das Fläschchen leer ist. Aber da die beste aller Windeln unten das Auslaufen verhindern, ist eigentlich alles in Ordnung, und einen Grund zum Nachdenken gibt es – noch – nicht.
Viele Menschen, insbesondere Eltern, glauben, dass Erziehung ein feststehendes, fertiges Programm sei, das man eines Tages -–spätestens mit Beginn des ersten Trotzalters – einschalten muss, damit das Kind ohne allzu große Probleme mit Kindergarten, Schule und Ausbildung fertig wird. Dahinter steckt ein großes Missverständnis: Erziehung ist nichts Programmatisches, Erziehung ist die Frucht der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Sie beginnt mit dem Tag der Geburt.
Leider gibt es Eltern, die die erzieherische Notwendigkeit nicht erkannt haben, zwischen ihren und den Wünschen ihrer Kinder zu unterscheiden. So wird ein Kind nicht selten zum Demonstrationsobjekt von Elternwünschen. Dies rächt sich – früher oder später.
Mütter sind damit beschäftigt, all die Dinge heranzuschaffen, die ihr Kind von anderen möglichst nicht mehr unterscheidbar machen. Reicht der Geldbeutel, darf es auch eine Note besser sein. Das Kind wird zum lebenden Christbaum, an man dem alles sichtbar machen, an den man alles hängen kann, was die Mode zum letzten Schrei erklärt. So merken Kinder früh, dass sie bewunderte Objekte sind, an denen – im wahrsten Sinn des Wortes – vieles hängt. Dass dies bereits erzieherisches Handeln ist, darüber machen sich die wenigsten Mütter und Väter Gedanken. Mit anderen gleichziehen, mithalten zu wollen und zu müssen, das ist das vorherrschende Prinzip. Wer da ausschert, steht am Rande. Und es kommt noch etwas hinzu: Wer einen ungeputzten Christbaum zur Schau stellt, ist arm. Und arm sein möchte niemand. Da spart man sich doch lieber den letzten Groschen vom Munde ab, ehe die Leute munkeln, man hätte nicht einmal das Geld für die Mindestausstattung des eigenen Kindes.
Zu Zeiten, als die Polomütze unbedingt mit dem Schild nach hinten getragen werden musste, sah man diese Mode auch schon im Buggy. Da fragt man sich, wie viele der lieben Kleinen sich die Mütze selbst umgedreht haben. Wollten da nicht die modebewussten Mütter und Väter ihr Kind vor offensichtlicher Rückständigkeit bewahren?
Kinder sind Lebenskünstler. Sie spielen, wie alle Kinder, mit dem, was sie erreichen können. Und sie lernen, wie alle Kinder, im Spiel für den Ernstfall Leben. Wenn Kinder in der Antarktis zur Welt kommen, passen sie sich der Kälte und den kargen Bedingungen an und werden so lebenstüchtig. Kinder in afrikanischen Hütten nehmen vorlieb mit dem, was die Natur ihnen zum spielen gibt. Sie werden klug dabei und machen all die Erfahrungen, die sie für ihr späteres Leben brauchen. Unsere schmucken Kinder haben es schwerer, mit Erde, Löffel und Wasser zu spielen, als die meisten Kinder dieser Welt – und kein Wunder, wenn sie als Christbaum strahlen sollen. Doch Kind ist Kind. Irgendwann entdeckt jedes Kind, das es mehr kann und mehr will, als seine Umgebung ihm zutraut. Und je mehr ein Kind am eigenen Tun gehindert wird, desto stärker wächst der Wille, endlich die ständige Bevormundung und Gängelung abzuschütteln. Die kleinen Christbäume bocken, trotzen, weil sie merken, dass sie – ohne dass sie es so ausdrücken würden – Spielball der Wünsche von Erwachsenen, ihrer Eltern, sind, statt als eigenständige, unverwechselbare Persönlichkeit behandelt zu werden.
Da sie zugleich aber auch Lebenskünstler sind, halten sie lange still, bevor sie sich zum ersten Mal lautstark zu Wort melden. Und diese erste heftige Reaktion ist in der Regel ein glattes Nein. Recht haben sie, die kleinen Christbäume! Nur: Wie geht man mit ihnen um? Es macht doch so viel Spaß, für sie einzukaufen!