Essstörungen bei Kindern

Aktuelle Studien brachten es an den Tag: Kinder und Jugendliche in Deutschland sind zunehmend von Essstörungen und deren Folgen betroffen. Die Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), 2007 vom Robert-Koch-Institut veröffentlicht, zeigte, dass von den für die Studie befragten Kindern zwischen elf und 17 Jahren über 20 Prozent ein problematisches Essverhalten hatten oder gar ein gestörtes Verhältnis zum Essen überhaupt und zu ihrem eigenen Körper aufwiesen. Besonders hoch ist nach der Studie der Anteil bei Kindern mit niedrigem sozioökonomischem Status, bei gleichzeitig vorliegender niedriger psychischer Belastbarkeit, bei rauchenden Kindern und bei solchen mit Migrationshintergrund. Mädchen sind dabei häufiger betroffen als Jungen. Die kürzlich veröffentlichte Zweite Nationale Verzehrs Studie bestätigt diese Ergebnisse.

Die Kinder- und Jugendärzte, die meist die erste Anlaufstelle für Eltern von Kindern mit Essstörungen sind, sind besorgt über die Entwicklung und so fordert die Fachgesellschaft der Pädiater ein stärkeres Engagement bei der Erforschung dieser Problematik. Sie plädieren dafür, die Initiative „Leben hat Gewicht - gemeinsam gegen den Schlankheitswahn“, der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt aktiv zu unterstützen.

Schon einige Zeit vor dem Bekanntwerden dieser Studien wurden in Thüringen Präventionsprojekte zur Bekämpfung von Magersucht bei Kindern unter dem Projektleiter Dr. Uwe Berger vom Institut für Medizinische Psychologie in Jena ins Leben gerufen. An insgesamt 20 Schulen in Thüringen waren die sechsten Klassen an dem Projekt beteiligt. Zu Beginn dieses Projektes lag der Prozentsatz der gefährdeten Mädchen bei 24. Dieser konnte auf etwa acht Prozent gesenkt werden. Laut Berger sei dies ein Beweis für den Erfolg von vorbeugenden Maßnahmen gegen Magersucht, und die Projekte werden fortgesetzt und die Zahl der teilnehmenden Schulen erhöht auf inzwischen 32. Es ist allerdings nicht immer einfach, das freiwillige Projekt „Primärprävention von Magersucht“ (PriMa) in den Unterrichtsplan zu integrieren. Da es, besonders in den neuen Bundesländern, einen eklatanten Mangel an Beratungsmöglichkeiten und Behandlungsangeboten von Magersucht gäbe, und auch in den alten Ländern ständig die zur Verfügung stehenden Mittel gekürzt würden, sei eine solche Prävention um so wichtiger, betont Berger.


Essstörungen, erst einmal manifestiert, sind besonders schwer therapierbar und sind mit einer Mortalitätsrate von fünf bis 16 Prozent die schwerwiegendste psychosomatische Erkrankung bei Mädchen und jungen Frauen. Die ersten Anzeichen für Essstörungen treten meist schon im Kindesalter auf, weshalb eine Aufklärung schon in der Schule über solche Krankheiten und deren Folgen sehr wichtig ist und möglicherweise im Laufe der Zeit so weit Erfolge erzielen kann, dass die Magersucht bei Mädchen und jungen Frauen nicht mehr, so wie es zur Zeit der Fall ist, die Todesursache Nummer eins ist.

Das Projekt PriMa – Primärprävention Magersucht, durchgeführt vom Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Kultusministerium dient der Vorbeugung von Magersucht, indem es die aktive Auseinandersetzung mit den möglichen Ursachen und der psychischen Dynamik der Erkrankung in den Mittelpunkt stellt und Problemkreise wie Leistungsdruck, Probleme in der Familie, Körperwahrnehmung und Schönheitsideale mit den Schülerinnen der beteiligten sechsten Klassen bearbeitet und so typische Situationen und Symptome der Magersucht aufzeigt. Das Projekt, das schon seit 2004 läuft, wird wissenschaftlich begleitet, dokumentiert und evaluiert.

Parallel dazu läuft auch das Projekt Torera – Primärprävention Bulimie, Fress-Anfälle und Adipositas, ebenfalls initiiert vom Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie und dem Thüringer Kultusministerium. Das Projekt Torera (von spanisch für „Stierkämpferin“) wird’s eit September 2005 für Mädchen und Jungen der siebten Klassen an Thüringer Schulen durchgeführt mit dem Ziel, dem Problemkreis Bulimie, Fressattacken und Adipositas vorzubeugen und ein gesundes Verhältnis zu den Themen Körper, Ernährung und Bewegung zu schaffen. Es wird auch das kritische Verhalten gegenüber den oft falschen Versprechungen von Schlankheitsprodukten und Diäten vor allem bei den Mädchen, die anfälliger für Kritik an ihrer Figur sind, gefördert. Der Teufelskreis von Hungern, vermehrtem Essen, sozialem Rückzug und Selbstverletzung durch bewusstes Erbrechen wird vor Augen geführt. An diesem Projekt nehmen nur Kinder teil, die PriMa schon durchlaufen haben.


Ergänzend zu Torera läuft seit Februar 2007 das Projekt TOPP – Teenager ohne pfundige Probleme unter der Leitung des Instituts für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie und des Thüringer Kultusministeriums, das zum Ziel hat, durch eine langfristige positive Veränderung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens der Jungen in den sechsten Klassen der Thüringer Schulen dem Übergewicht und der Adipositas vorzubeugen. Das eigene Verhalten soll bewusst gemacht und Alternativen zu ungesunden Gewohnheiten aufgezeigt werden sowie der Umgang mit Kritik am eigenen Übergewicht und der Umgang mit übergewichtigen Klassenkameraden reflektiert werden.

Diese Projekte in Thüringen sind ein Anfang, schon in der Schule, im besonders problematischen Alter, die Probleme, die zu Essstörungen führen können, bewusst zu machen, Symptome, die auf ein Abgleiten in ernsthafte Störungen aufzuzeigen und auf die Gefahren von Magersucht, Bulimie und extremem Übergewicht hinzuweisen, und sicherlich zur Nachahmung zu empfehlen. Es wäre schön, wenn die Schule der Zukunft sich nicht nur als Ort des Lernens von Wissen, sondern auch als Vorbereitung auf ein gesundes und glückliches Leben verstehen würde.

Popularity: 38% [?]

Diesen Beitrag bookmarken: These icons link to social bookmarking sites where readers can share and discover new web pages.
  • Digg
  • del.icio.us
  • Netvouz
  • DZone
  • ThisNext
  • MisterWong
  • Wists

1 Stern (sehr schlecht)2 Sterne (schlecht)3 Sterne (befriedigend)4 Sterne (gut)5 Sterne (sehr gut) (4 Stimmen, Durchschnitt: 5 von 5)
laden ... laden ...



Weitere beliebte oder ähnliche Beiträge:

    

Diskutieren Sie doch mit! Nach jedem Artikel haben Sie die Möglichkeit Ihre Meinung/Erfahrung zu schreiben. Der schönste Kommentar ist uns jedes Monat 20 EUR in Form eines Gutscheines* Wert!

*Nur Einzulösen bei www.weltderspielwaren.de, keine Barauszahlung möglich. Sie werden per E-Mail benachrichtigt. Bei Teilnahme und Gewinn sind Sie mit einer Veröffentlichung mit Namen und Ort Einverstanden!

3 Kommentare zu diesem Beitrag.

  1. Bernd sagt:

    Es ist gut, dass solch ein Programm in der Thüringer Schulen realisiert werden konnte. Es ist ja offensichtlich ein echter Handlungsbedarf in Deutschland zu erkennen. Die Doku-Serien auf manchen privaten Sendern des deutschen Fernsehens, über die steigende Anzahl, der an Fettleibigkeit leidenden Kinder, reichen da nicht aus. Sie führen es einem nur immer wieder vor Augen, dass die Kluft zwischen zu dicken und zu mageren Menschen immer mehr zunimmt. Sie machen aufmerksam auf das bestehende Problem und geben Ansatzpunkte, wie den, dass die gesamte Familie mit einbezogen werden muss, wenn ein Kind z.B. adipös ist. Familien können sich oftmals nicht selbst helfen, da die Eltern, auch wenn sie helfen wollen, selbst an diesem Krankheitsbild leiden. Doch die Ursachen des Problems der Essstörung allgemein liegt meist nicht offen und sollte psychologisch betreut werden, was mit dem gestarteten Programm ja getan wird. Die Ursachen liegen oftmals tief im Verborgenen der Seele der betroffenen Person. Durch die Behandlung in der Schule kann das Kind unter Beobachtung ihnen bekannter Personen (der Lehrer) auf Hilfe zählen und fühlt sich in seiner Person angenommen und mit seinem Problem. Vielleicht wäre es möglich sogar noch früher, beispielsweise im Kindergarten, anzusetzen, damit sich auftretende Auffälligkeiten nicht festigen und zu einem echten Problem werden. Der Kursbesuch setzt allerdings voraus, dass das Kind sein Problem als solches erkennt und akzeptiert. Es muss sich helfen lassen wollen, ansonsten handelt es sich um vergebene Liebesmühe und dafür sind die Kleinen wohl noch nicht bereit.

  2. Betreff: Cemil Şahinöz « Schariagegner via Pingback:

    […] [76] http://www.weltderspielwaren.de/blog/essstoerungen-bei-kindern/ […]

  3. 082. Kein Kulturrelativismus! Antwort an Cemil Şahinöz « Sägefisch via Pingback:

    […] [76] http://www.weltderspielwaren.de/blog/essstoerungen-bei-kindern/ […]

Dein Kommentar »