Bewegung macht schlau
Kürzlich erhielt die Osnabrücker Sport- und Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Renate Zimmer den Bundesverdienstorden für ihr „Engagement zur Förderung von Bildung und Gesundheit durch Bewegung“ in Kindergärten und Schulen“. In einem Interview mit der Autorin unter anderem des Buches „Toben macht schlau“ äußerte sie sich zum Thema Bewegungsmangel bei Kindern, den Folgen und Möglichkeiten, die Situation zu verbessern.
Wegen des immer mehr zunehmenden Straßenverkehrs sind die Bewegungsräume der Kinder stark eingeschränkt. Hinzu kommt, dass die Medienangebote wie Fernsehen und Internet, aber auch die Spielekonsolen, die in der Beliebtheitsskala vieler Kinder weit vor dem „Draußenspielen“, das in früheren Generationen noch selbstverständlich für Kinder war, rangieren, aus den Kindern regelrechte Stubenhocker machen. Mehrere Stunden am Tag müssen die Kinder außerdem in der Schule sitzen. Gerade hier wären nach Prof. Zimmer Ansatzpunkte, den Bewegungsdrang der Kinder zu fördern und zu nutzen für besseres Lernen.
Frau Prof. Zimmer betont, dass von der Geburt an Kinder die Welt „begreifen“, sich also ihre Welt durch Greifen und Tasten und durch Krabbeln, Gehen, Klettern und Rennen aneignen. Jegliche Bewegung ist für die gesamte Entwicklung wichtig und ist die Basis allen Lernens. Auch die Sprachentwicklung wird gefördert, da häufig Bewegung Anlass für eine Sprachäußerung ist. Prof. Zimmer hat aktiv an der Entwicklung neuer Bildungs- und Orientierungspläne verschiedener Bundesländer mitgearbeitet, bemängelt allerdings, dass es noch stark an der praktischen Umsetzung hapert.
In den Schulen sieht es noch immer so aus, dass Frontalunterricht überwiegt, der Bewegungsdrang der Kinder eher als störend empfunden wird und die Tendenz dahin geht, dass sich die Schüler immer mehr Stoff in immer kürzerer Zeit einprägen müssen. Hinzu kommen große Schülerzahlen in den Klassen. Prof. Zimmer regt an, dass sich Lehrer gelegentlich die Bewegungsfreude der Kinder zu Nutze machen und „bewegtes Lernen“ in den Unterricht einbauen sollten. So könnte zum Beispiel das Lernen der Präpositionen mit einem Lernspiel mit Stühlen dem Bewegungsdrang der Kinder entgegenkommen, den Spaß am Lernen erhöhen und dazu verhelfen, dass „hinter dem Stuhl“, „neben dem Stuhl“, „zwischen den Stühlen“ sich viel besser einprägen. Auch Eltern können ihre Kinder zu Hause beispielsweise Vokabeln oder Geschichtszahlen beim Seilspringen üben oder ein Gedicht auswendig lernen lassen. Diese Bewegung hat zwar keinen unmittelbaren Bezug zum Lernstoff wie in dem vorherigen Beispiel, aber laut Prof. Zimmer fördert jede Art von Bewegung die Effektivität des Lernens.
Sportunterricht nimmt einen zu kleinen Teil des gesamten Unterrichts ein, fällt zu häufig aus oder wird von fachfremden Lehrern erteilt, bemängelt Prof. Zimmer. Es gehe nicht an, dass es Grundschulen gäbe ohne einen einzigen ausgebildeten Sportlehrer. Gerade im Grundschulalter kommt dem Sportunterricht für die weitere Entwicklung der Kinder eine bedeutende Rolle zu, und es erfordere eine fachlich qualifizierte Ausbildung, um auf die unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten der Kinder adäquat eingehen zu können. Bei der Stellenbesetzung in den Schulen dürfe nicht nur auf die Hauptfächer geachtet werden, denn ausgebildete Sportlehrer gäbe es genug.
Bildungsstandards für das Fach Sport zu entwickeln, ist schwierig wegen der so unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder, aber gewisse Grundanforderungen für bestimmte Altersgruppen sollten aufgestellt und deren Erfüllung beobachtet werden. So sollte zum Beispiel ein Kind in der vierten Grundschulklasse „schwimmen, sein Alter in Minuten laufen und mit einem Ball auf vielfältige Weise umgehen“ können. Da selbst diese einfachen Forderungen in sehr vielen Fällen nicht erfüllt werden, spricht Prof. Zimmer davon dass die Grundschulen häufig „körperliche Analphabeten“ entlasse.
Ist eine Besserung der Situation in Sicht? In einigen Bundesländern gibt es inzwischen Projekte und Initiativen zum „Bewegungskindergarten“ zum Umsetzen bewegungspädagogischer Konzepte in Kindergärten. Immerhin 26 Modellkindergärten nehmen an dem Projekt „Kinder bewegen“ der Deutschen Olympischen Gesellschaft teil.
Eine Studie zum Sportunterricht in Deutschland deckte kürzlich auf, dass an weiterführenden Schulen jede vierte Sportstunde ausfällt und in den Grundschulen etwa die Hälfte der Sportunterricht erteilenden Lehrer keine Fachkräfte seien. Von einem qualifizierten Schwimmunterricht an deutschen Schulen könne keine Rede sein. Im Hinblick darauf, dass im vergangenen Jahr so viele Kinder und Jugendliche ertrunken sind wie seit 1945 noch in keinem Jahr, sei das mehr als bedenklich, so der Leiter dieser Studie, Prof. Dr. Wolf-Dieter Brettschneider von der Universität Paderborn.
Aus diesem Anlass wurden Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung des Schulsports erarbeitet. Es soll die „bewegungsfreudige Schule“ gefördert und „Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote als zentrale Bestandteile der Gesundheitsförderung“ entwickelt werden. Die Anzahl der Unterrichtswochenstunden im Fach Sport soll erhöht werden. Bleibt zu hoffen, dass dieser Theorie die Praxis folgen wird.