Archive for Mai, 2008

Wichtige Lebensphasen 4 – Das Vorschulkind

Der Gang eines Dreijährigen hat im Vergleich zu dem eines zweijährigen Kindes deutlich an Sicherheit gewonnen. Dem Kind bereitet es nun zum Beispiel keine Schwierigkeiten mehr, eine Linie entlangzugehen. Es hüpft bereits geschickt mit beiden Beinen und kommt sicher auf dem Boden zu stehen. Mit Eifer versucht es sich zum Beispiel im Roller- oder Radfahren und klettert mit großer Geschicklichkeit. In der körperlichen Entwicklung des Kindes vollzieht sich ein deutlich sichtbarer Wandel: die noch stark rundlichen Formen verlieren sich zusehends, der „Babyspeck“ verschwindet allmählich, der Körper streckt sich und wird muskulöser. Das Vorschulkind ist stolz darauf, was es schon alles „wie ein Großer“ selbständig machen kann.

Nicht nur die Bewegungsabläufe der Grobmotorik sind gewandter geworden. Auch in seiner Feinmotorik hat das Kind deutliche Fortschritte gemacht: Während ein Dreijähriger sich in der Regel noch vergeblich mit den Knöpfen oder den komplizierten Verschlüssen seiner Kleidung abmüht, kann ein Dreieinhalbjähriger darin durchaus schon erfolgreich sein. Werkzeuge wie die Schere werden von einem Vorschulkind bereits geschickt gehandhabt: Ein fünfjähriges Kind schneidet zielgerichtet entlang einer bestimmten Linie oder Form.

Beeindruckend ist es für viele Eltern, wenn ihr Kind einige Zeit nach seinem dritten Geburtstag schon richtige Sätze zu bilden vermag, auch wenn ihm hier und da noch Fehler unterlaufen: „Die Mama ist einkaufen gegeht:“ solche Äußerungen zeugen von einer Fähigkeit, die Erwachsene sich beim Erlernen einer Fremdsprache vergeblich wünschen: aus den vielen angebotenen Sprachmustern filtert das Kind die grammatischen Regeln intuitiv heraus und wendet sie nun selbständig auch auf Äußerungen an, die es zuvor nie gehört hat. Dass es dabei nicht „gegeht“ (wie etwa bei „getanzt“), sondern „gegangen“ heißen muss, ist für das Kind bei einer zunächst noch starren Anwendung der Regeln begreiflicherweise nicht ersichtlich. So sind derartige Fehler eher als Fortschritte denn als Mängel in der kindlichen Sprachentwicklung zu deuten.

Eine Störung der Sprachentwicklung kann vorliegen, wenn noch um den vierten Geburtstag sich grammatische Fehler wie etwa falsche Satzstellungen häufen, die Aussprache schwer verständlich ist, das Kind nur über einen sehr geringen Wortschatz verfügt und Aufforderungen nicht versteht. Statt einen lebendigen Austausch mit ihren Kindern zu suchen, sich also mit ihnen zu unterhalten, ihnen vorzulesen oder mit ihnen zu spielen, ziehen viele Familien heute die stumme „Unterhaltung“, den Fernseher, vor. Kein Wunder also, dass etwa ein Viertel aller deutschen Kinder im Vorschulalter sprachauffällig sind. Es ist wichtig, eine solche Sprachstörung rechtzeitig zu erkennen, damit die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes nicht beeinträchtigt wird.

Wenn die Sonne abends untergeht, mag ein Zweieinhalbjähriger fest davon überzeugt sein, dass sie sich schlafen legt. Die Erfahrung, dass die Sonne tagsüber stets über ihm steht, auch wenn er sich weiterbewegt, verleitet ihn vielleicht zu der Annahme, dass sie ihm folge. Diese Art zu denken ist typisch für das Vorschulkind. Es ordnet seine Beobachtungen nach anderen Merkmalen ein als ein Erwachsener: Weil die Sonne sich bewegt, ist sie lebendig. Ein anderes Beispiel: Das zweijährige Kind zerschneidet das heißbegehrte Stück Schokolade, das es von der Oma bekommen hat, mit viel Mühe in viele winzige Teile. Es ist fest davon überzeugt, dass es dadurch die Menge der Schokolade erhöht.

Gegenüber dem zweijährigen Kind zeigt das dreijährige Kind beim Turmbau-Spiel häufig ein Verhalten, das man „ehrgeizig“ nennen könnte. Es versucht, einen möglichst hohen Turm zu bauen. Stürzt dieser früher ein als geplant, ist das Kind traurig. Gelingt es ihm, einen höheren Turm zu bauen als sein Spielpartner, reagiert es mit Stolz. Es setzt seine eigene Leistung in Beziehung zu der Leistung seines Spielpartners. Psychologen sprechen vom „sozialen Vergleich“. Dieser Wettbewerb mit dem Spielpartner regt das Kind an, Leistung zu erbringen. Das Kind wird dabei vor allem von Aufgaben motiviert, die ihm weder zu schwierig noch zu leicht erscheinen. Sind sie zu schwierig, traut es sich nicht heran, sind sie zu leicht, könnte das Kind ihre Bewältigung nicht als Ergebnis seiner Tüchtigkeit verbuchen.

Wenn Sie als Eltern Ihr Kind dazu anregen wollen, Leistungen zu erbringen, auf die es stolz sein kann und die sein Selbstvertrauen stärken, dann ist es wichtig, dass Sie es weder über- noch unterfordern. Spiel und Spaß sollten immer noch im Vordergrund stehen. Ein Kind, das starke Ängste vor Misserfolgen hat, können Sie jedoch dadurch motivieren, dass Sie zunächst leichtere Aufgaben stellen und erst allmählich schwierigere. Das Erfolgserlebnis für das Kind liegt dann darin, dass seine Eltern es loben, weil es besser geworden ist. Entscheidend für die Motivation jedes Kindes, neue Aufgaben zu meistern, ist, wie die Eltern mit Lob und Tadel umgehen. Wird das Kind für jede, auch noch so einfache Aufgabe gelobt, verliert es den Anreiz, sich anzustrengen. Ebenso, wenn es zu wenig gelobt oder ausschließlich getadelt wird.

Im Alter von etwa drei Jahren beginnen Gleichaltrige für das Kind eine immer bedeutendere Rolle zu spielen. Man sagt, das Kind sei „kindergartenreif“. In Kindergarten oder Spielgruppe sucht es gezielt den Kontakt zu anderen, und aus dem anfänglichen Nebeneinander-Spielen wird ein Miteinander-Spielen. Konzentrationsvermögen und Ausdauer haben sich nun so weit entwickelt, dass auch längere Beschäftigungen und Spielsequenzen von etwa 15 Minuten ohne Unterbrechung durchgehalten werden. In Rollenspielen erprobt sich das Kind in verschiedenen sozialen Zusammenhängen. Der Eintritt in den Kindergarten oder eine Spielgruppe fordert vom Kind außerdem eine verstärkte Loslösung vom Elternhaus: Es lernt, auch ohne die nahen Bezugspersonen auszukommen und sich in einer anderen als der häuslichen Umgebung zurechtzufinden. Dies ist für die Entwicklung der Selbständigkeit von entscheidender Bedeutung.

Dabei prallen innerhalb der Gruppe häufig die unterschiedlichen Bedürfnisse aufeinander: Das Kind entwickelt allmählich Verhaltensweisen, die ihm erlauben, mit Konflikten umzugehen. Um sie untereinander positiv zu lösen, müssen Kinder lernen, sich in die Gefühlswelt anderer hineinzuversetzen. Die noch starke Ichbezogenheit des zweijährigen Kindes weicht im Vorschulalter der zunehmenden Fähigkeit, sich einzufühlen. Das heißt, dass es sich mehr und mehr in andere hineindenken und auch deren Bedürfnisse berücksichtigen kann.

Wenn es seine Umwelt beurteilt, ist ein Kind vor dem siebten oder achten Lebensjahr jedoch nur eingeschränkt in der Lage, Aussagen und Gefühle anderer Menschen bewusst wahrzunehmen und entsprechend zu berücksichtigen. Es betrachtet die Welt viel mehr noch als das Schulkind aus dem eigenen Blickwinkel. Im Rahmen der Gruppe lernt das Kind auch, sich an dort geltende Regeln und Gebote zu gewöhnen – eine Voraussetzung, die auch für den späteren Schulbesuch wichtig ist.

Wichtige Lebensphasen 5 – Das Schulkind

„Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“ Mit dieser Bemerkung begleiten viele Eltern ihre Schützlinge am ersten Schultag – in einem Zwiespalt aus Stolz und der Befürchtung, das Kind könnte sich von nun an ihrer elterlichen Autorität entziehen. Mit dem Eintritt in die Schule beginnt nur eine weitere Etappe der notwendigen, schrittweisen Ablösung eines Kindes von den Eltern. In der Pubertät wird diese Ablösung fortgesetzt und schließlich vollendet.

Der Schuleintritt stellt für Kinder wie Eltern das wohl einschneidendste Ereignis der späten Kindheit (fünftes bis zehntes Lebensjahr) dar. Den Kindern wird mit ihrer neuen Rolle nun erheblich mehr Verantwortung übertragen, aber auch die Erwartungen an das Kind werden höher. Viele Eltern stellen sich angesichts der körperlichen und seelisch-geistigen Entwicklung ihres Kindes die Frage, ob es denn überhaupt schon schulreif sei oder ob man es nicht besser noch ein Jahr vom Schulbesuch zurückstellen sollte.

Früher orientierte man sich stärker als heute an der körperlichen Entwicklung eines Kindes. Diese gilt heute nur als eines unter weiteren Kriterien für die Schulreife. Bei der Entscheidung, ob ein Kind letztendlich noch vom Schulbesuch zurückgestellt wird oder nicht, stehen jedoch geistig-soziale Fähigkeiten im Vordergrund.

Zeichen für ein sozial reifes Verhalten sind: Das Kind ist fähig, Konflikte innerhalb einer Gruppe nicht nur durch Körperkraft, sondern auch durch Worte zu meistern. Es ist in der Lage, Kompromisse auszuhandeln und sich unter Umständen auch für die Bedürfnisse jüngerer oder schwächerer Kinder einzusetzen. Eigene Bedürfnisse kann es aufschieben (Frustrationstoleranz), und es kann damit leben, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen. Wichtig für den Schulalltag ist auch, dass das Kind sich an Regeln zu halten vermag und bereit ist, ihm gestellte Aufgaben auszuführen.

Ob ein Kind vom Intellekt her den Anforderungen der Schule gewachsen ist, wird in strittigen Fällen durch Schulreifetests geprüft. Dabei kommt es auf sprachliche Fähigkeiten, logisch-abstraktes Denken und Kreativität an.

Im ersten Schuljahr ist es wichtig, dass ein Kind Lernen als eine Mischung aus Spiel und Anforderung begreift. Wird es zu früh einem starren Leistungsdruck ausgesetzt, kann es schnell die Lust daran verlieren, Neues aufzunehmen und gestellte Aufgaben zu bewältigen. Lob und Ermutigung helfen dem Schulanfänger, aber auch das ehrliche Interesse der Eltern. Lassen Sie sich von Ihrem Kind erzählen, was es in der Schule durchgenommen hat, was ihm gefallen hat und was weniger. Interessieren Sie sich auch für das Umfeld, die Freunde, möglichen Kummer mit dem Lehrer oder der Lehrerin. Für das Kind ist es wichtig, dass Sie verständnisvoll zuhören und es unterstützen, wenn es Fragen hat. Überlegen Sie dann mit ihm zusammen, was bei Schwierigkeiten zu tun ist. Drängen Sie jedoch Ihr Kind nicht, wenn es gerade nichts erzählen will. Manche Kinder wollen ihre Erlebnisse erst für sich allein verarbeiten und erzählen dann beim gemeinsamen Spaziergang oder vor dem Einschlafen. Zeigen sie, dass Sie bereit sind, zuzuhören, und dass Sie Ihr Kind ernst nehmen.

Ein geregelter Tagesrhythmus erleichtert es dem Schulkind, sich an die neue Lebensphase zu gewöhnen und konzentriert zu arbeiten. Überfordern oder unterfordern Sie Ihr Kind jedoch auch in dieser Beziehung nicht. Am besten, Sie finden gemeinsam mit ihm heraus, wann und in welcher Umgebung es gut arbeiten kann. Versuchen Sie auch, Ihr Schulkind nicht durch Ihren persönlichen Ehrgeiz zusätzlich unter Druck zu setzen. Schulische Misserfolge greifen das Selbstbewusstsein eines Kindes oft erheblich an – auch wenn viele Kinder das nicht offen zeigen. Sie brauchen in jedem Fall Trost, Verständnis und Ermunterung.

Viele Eltern möchten ihren Kindern möglichst viele Anregungen bieten: Vom Sportunterricht über die Musikschule bis zum Bastel- oder Malkurs. Oft sind die Tage der Schulkinder so verplant, dass ihnen keine Zeit mehr bleibt, einfach nur für sich zu sein und ihre eigene Phantasie zu entwickeln. Zeit für das eigene Spiel zu haben, das bleibt gerade auch während der Schulzeit sehr wichtig. Daneben gewinnen Freunde zunehmend an Bedeutung. Ein stabiler Freundeskreis gibt Ihrem Kind Rückhalt auf dem Weg in die Selbständigkeit und fördert seine sozialen Fähigkeiten.

Im Alter von neun oder zehn Jahren macht sich der Drang nach mehr Unabhängigkeit bei vielen Kindern oft recht vehement bemerkbar. Sie rebellieren gegen die Erwachsenen oder versuchen, sich öfter zurückzuziehen. Auch körperlich verändern sie sich. So klagen zum Beispiel manche Mädchen über Schmerzen in den Brüsten. Meist sind solche Symptome nur das Ergebnis einer vorverlagerten Pubertät. Die Pubertät bezeichnet den Zeitraum, in dem die geschlechtliche Reifung einsetzt und der Mensch seine Fähigkeiten zur Fortpflanzung entwickelt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich gegenüber früher die Entwicklung sowohl des Größenwachstums als auch der Geschlechtsreife deutlich beschleunigt.

Nicht erst, wenn die körperlichen und seelischen Veränderungen der Pubertät eintreten, sollte man mit seinen Kindern darüber sprechen. Gelegenheiten, die Kinder darauf vorzubereiten, gibt es viele. Kinder fragen von selbst, es sei denn, sie spüren, dass ihre Neugier den Eltern unangenehm ist.

Schon Dreijährige fragen neugierig, woher die kleinen Babys kommen oder warum Mädchen im Sitzen und Jungs im Stehen „Pipi machen“. Aufmerksam betrachten sie Vater und Mutter beim gemeinsamen Bad oder unter der Dusche und wollen wissen, weshalb Mama und Papa verschieden aussehen. Gehen Eltern mit solchen Fragen unverkrampft um und zeigen sich offen, wird das Thema „Sexualität“ später nicht peinlich besetzt sein.

Aufklärung ist keine einmalige „Lektion“, die Eltern wohl oder übel hinter sich bringen müssen, sondern ein kontinuierlicher Prozess, den sowohl Eltern als auch Kinder steuern: Kinder, weil sie zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Entwicklung angemessene Fragen stellen, Eltern, weil sie die Kinder schrittweise auf den Umgang mit Sexualität vorbereiten möchten. Es gibt Zeiträume, in welchen das Thema „Sexualität“ besondere Brisanz für das Kind oder den Jugendlichen erlangt und in denen Eltern als kompetente Ansprechpartner zur Verfügung stehen, sich dem Kind aber nicht aufdrängen sollten. Es ist wichtig, dass Sie auch die Abwehr eines Kindes gegenüber Fragen der Aufklärung akzeptieren und es nicht mit Details bombardieren, wenn es dies nicht wünscht.

Häufig übernehmen Jugendzeitschriften die Rolle der Aufklärer. Viele Eltern reagieren verunsichert auf die intimen und sehr detaillierten Ratschläge, die dort erteilt werden. Die Lektüre dieser Blätter zu verbieten, vergrößert nur ihren Reiz. Ein Tipp: Lesen Sie selbst einmal in diesen Zeitschriften, sagen Sie sachlich, wie Sie darüber denken, und versuchen Sie unvoreingenommen, die Meinung Ihrer Kinder dazu kennenzulernen.

Wichtige Lebensphasen 6 – Die Pubertät

Der Wachstumsschub, der die Pubertät kennzeichnet, beginnt bei den meisten Mädchen im Alter zwischen 9 und 14 Jahren, bei den Jungen in der Regel erst zwischen 10 und 16 Jahren. Nervenimpulse aus dem Zwischenhirn veranlassen die Hirnanhangdrüse, Signale an die Geschlechtsdrüsen zu leiten. Die Eierstöcke des Mädchens produzieren daraufhin vermehrt das weibliche Hormon Östrogen, die Hoden des Jungen vermehrt die männlichen Hormone Androgen und Testosteron. Danach können noch ein bis zwei Jahre vergehen, bis bei Mädchen die erste Regelblutung (Menarche) und bei Jungen die Produktion erster Samenzellen einsetzt.

Eltern wie Kinder sind durch die körperlichen Veränderungen – zum Beispiel Entwicklung der Brust und der Schambehaarung beim Mädchen, Stimmbruch, Vergrößerung von Penis und Hoden, Einsetzen der Bart- und Schambehaarung beim Jungen – oft gleichermaßen beunruhigt, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven: Eltern befürchten oft zu Recht, dass die geistig-seelische Reife hinter den körperlichen Merkmalen hinterherhinkt und dass die Pubertierenden in Konflikte mit ihrer Rolle kommen. Kinder an der Schwelle zur Jugend erleben den Zwiespalt, nicht mehr „richtig Kind“, aber eben auch noch nicht erwachsen zu sein, meist als quälende Verunsicherung. Sie reagieren mit verstärkter Reizbarkeit und bedürfen der Geduld und des Vertrauens eines einfühlsamen Erwachsenen. Wurden sie nicht entsprechend aufgeklärt, lösen die Veränderungen des Körpers – die erste Regelblutung, die erste Erektion oder der erste Samenerguss – unter Umständen Angst und Besorgnis aus. Die körperlichen Entwicklungen drängen dem Teenager besonders viele Fragen auf. Diese haben meist noch wenig mit Liebe oder Sex zu tun, sondern beziehen sich vor allem auf biologische Vorgänge. Wenn Eltern versuchen, zu jeder Zeit unverkrampft mit dem Thema Sexualität umzugehen, wird es ihnen leichter fallen, die Fragen ihrer Kinder offen zu beantworten. Dann können sie ihnen auch vermitteln, dass erotisches Begehren, Lust und Leidenschaft ebenso zu einer Partnerschaft gehören wie die Fähigkeit zum gegenseitigen Austausch im Gespräch.

Zum Bedauern vieler Eltern beginnen pubertierende Kinder sich von den Eltern zurückzuziehen, sie lehnen Körperkontakt ab und reagieren oft bereits auf den üblichen Gutenachtkuss oder die liebevoll gemeinte Umarmung empfindlich und ablehnend. Eltern sollten dies als Abgrenzungsversuch respektieren, der für die Entwicklung des Kindes wichtig ist. Gefragt sind jetzt nicht mehr die gemeinsamen Unternehmungen mit der Familie, sondern Vorrang haben die gleichgeschlechtliche „beste Freundin“ oder bei den Jungen der Schulkamerad. Es wird „getuschelt“, und Vertraulichkeiten werden ausgetauscht. Eltern haben in dieser Phase manchmal die Befürchtung, das Kind könne ihrer Aufsicht entgleiten, und versuchen, mit verstärktem Druck das familiäre Miteinander aufrecht zu erhalten. Dabei ist es für das Kind an der Schwelle zur Pubertät ein wichtiger Schritt, sich verstärkt von den Eltern loszulösen und eigene Verantwortung zu übernehmen. Die Eltern sollten auch nicht ständig versuchen, sein Verhalten zu kontrollieren und nach eigenen Vorstellungen zu lenken. Auch wenn das Kind jetzt weniger Wert auf das gemeinsame Familienleben zu legen scheint, liebt es seine Eltern noch genauso wie vorher. Und wenn Eltern ihm vermittelt haben, dass es sich mit seinen Problemen jederzeit an sie wenden kann, wird es dies bei Bedarf auch tun.

Wer geht mit wem? Wann steigt welche Party? Wer hat schon einmal ein Mädchen oder einen Jungen geküsst? Solche Themen können bereits bei 12- bis 13jährigen Teenagern zum Dauerbrenner werden. Dabei geht die erotische Anziehung des anderen Geschlechts für die meisten Jugendlichen selten über vorsichtige Annäherungsversuche hinaus. Nicht selten ist es eher eine Prestigefrage, wer wen zur Freundin oder zum Freund gewinnt.

Fragen rund um das Thema Sexualität werden jetzt seltener mit den Eltern besprochen, sondern viel eher mit Gleichaltrigen. Eltern sollten diese Grenzen respektieren und sich nicht gewaltsam zum Vertrauten ihrer Kinder machen wollen. Wichtiger ist es, den Kindern das Gefühl zu vermitteln: „Wir sind da, wenn du Fragen hast.“

Irgendwann ist es dann soweit: Zwei Teenager haben sich heftig ineinander verliebt und wollen miteinander schlafen. Bei den meisten Jugendlichen ist dies im Alter zwischen 16 und 17 der Fall. Häufig ahnen die Eltern, wann es soweit ist. Doch die Jugendlichen kapseln sich oft ab und sind schwer zugänglich – das macht vielen Eltern Sorgen. Wie weit sollen sie sich in das Intimleben ihrer nun fast erwachsenen Kinder einmischen? Sind Tochter oder Sohn zum Beispiel ausreichend über sichere Verhütungstechniken oder AIDS-Risiken aufgeklärt? Zwar ist es wichtig, den Kindern den eigenen Verantwortungsspielraum zu lassen, aber auch mit ihnen offen den verantwortlichen Umgang mit Sexualität zu reden.

Für manche Jugendliche wird es zur Prestigefrage, mit dem Partner zu schlafen. Dem Drängen des Freundes nachgeben, nur um Anerkennung von den anderen zu ernten oder ja nicht als „Mauerblümchen“ dazustehen – Motive, vor denen Eltern ihre Kinder bewahren möchten. Besonders gefährdet, eigene Gefühle und Bedürfnisse zu verleugnen, sind Jugendliche, die von ihren Eltern wenig Bestätigung und Anerkennung erfahren. Sie sind vermehrt auf die Anerkennung und Achtung der Gleichaltrigen angewiesen. Wichtig ist gerade jetzt, dass die Eltern sich bemühen, das Selbstvertrauen ihres Kindes zu stärken und ihm das Gefühl zu vermitteln: “Wir stehen hinter dir.“ Dann wird es stark genug sein, eine eigene Position zu beziehen und dem Druck der Gruppe nötigenfalls standzuhalten. Eine Rolle spielt hier auch das Vorbild der Eltern. Wenn Eltern mit der eigenen Sexualität natürlich umgehen und ihren Kindern vermitteln, dass auch Sexualität etwas Wertvolles, Wichtiges und nichts Schmutziges ist, können Kinder meist positiv und selbstbewusst ihre eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen.

Oft quälen Selbstzweifel den Jugendlichen, der sich in der typischen Pubertätskrise befindet. Die eigene Selbsteinschätzung ist dabei in besonderem Maße abhängig von den Erwartungen und Gepflogenheiten der „anderen“. Die „anderen“, das sind die Gleichaltrigen, die Peer-Group, wie Sozialwissenschaftler sie nennen. In Gangs oder Cliquen erprobt der Jugendliche seine Wirkung und versucht, die Bestätigung Gleichgesinnter zu finden.

Diese Art von Ich-Bezogenheit führt oft zu Konflikten mit den Erwachsenen. Für Jugendliche ist es auf der Suche nach der eigenen Identität wichtig, Rollen auszuprobieren. Dennoch sollten sie wissen, wie weit sie gehen können, ohne andere durch ihr Verhalten zu sehr einzuschränken, zu verletzen oder sich selbst zu gefährden. Wenn sie zum Beispiel mit Drogen, Jugendbanden oder Sekten in Berührung kommen, müssen die Eltern reagieren und sich gegebenenfalls Hilfe von außen holen.

Der Schritt ins Erwachsenendasein kann nur gelingen, wenn ein Jugendlicher die Möglichkeit erhält, eine eigene Haltung und Einstellung zu finden. Dazu gehört auch die oft recht heftig geführte Auseinandersetzung mit den Wertvorstellungen der Eltern. Für Eltern oder Erzieher ist es nicht immer einfach, zwar den eigenen Standpunkt nicht zu verleugnen, aber dennoch Verständnis für die Sicht der Jugendlichen aufzubringen. Auch erfordert es ein hohes Maß an Sensibilität, die richtige Mischung aus zunehmender Freiheit und dem immer noch notwendigen Halt zu finden, die die Heranwachsenden in dieser kritischen Phase brauchen.

« Prev