Wichtige Lebensphasen 4 – Das Vorschulkind
Der Gang eines Dreijährigen hat im Vergleich zu dem eines zweijährigen Kindes deutlich an Sicherheit gewonnen. Dem Kind bereitet es nun zum Beispiel keine Schwierigkeiten mehr, eine Linie entlangzugehen. Es hüpft bereits geschickt mit beiden Beinen und kommt sicher auf dem Boden zu stehen. Mit Eifer versucht es sich zum Beispiel im Roller- oder Radfahren und klettert mit großer Geschicklichkeit. In der körperlichen Entwicklung des Kindes vollzieht sich ein deutlich sichtbarer Wandel: die noch stark rundlichen Formen verlieren sich zusehends, der „Babyspeck“ verschwindet allmählich, der Körper streckt sich und wird muskulöser. Das Vorschulkind ist stolz darauf, was es schon alles „wie ein Großer“ selbständig machen kann.
Nicht nur die Bewegungsabläufe der Grobmotorik sind gewandter geworden. Auch in seiner Feinmotorik hat das Kind deutliche Fortschritte gemacht: Während ein Dreijähriger sich in der Regel noch vergeblich mit den Knöpfen oder den komplizierten Verschlüssen seiner Kleidung abmüht, kann ein Dreieinhalbjähriger darin durchaus schon erfolgreich sein. Werkzeuge wie die Schere werden von einem Vorschulkind bereits geschickt gehandhabt: Ein fünfjähriges Kind schneidet zielgerichtet entlang einer bestimmten Linie oder Form.
Beeindruckend ist es für viele Eltern, wenn ihr Kind einige Zeit nach seinem dritten Geburtstag schon richtige Sätze zu bilden vermag, auch wenn ihm hier und da noch Fehler unterlaufen: „Die Mama ist einkaufen gegeht:“ solche Äußerungen zeugen von einer Fähigkeit, die Erwachsene sich beim Erlernen einer Fremdsprache vergeblich wünschen: aus den vielen angebotenen Sprachmustern filtert das Kind die grammatischen Regeln intuitiv heraus und wendet sie nun selbständig auch auf Äußerungen an, die es zuvor nie gehört hat. Dass es dabei nicht „gegeht“ (wie etwa bei „getanzt“), sondern „gegangen“ heißen muss, ist für das Kind bei einer zunächst noch starren Anwendung der Regeln begreiflicherweise nicht ersichtlich. So sind derartige Fehler eher als Fortschritte denn als Mängel in der kindlichen Sprachentwicklung zu deuten.
Eine Störung der Sprachentwicklung kann vorliegen, wenn noch um den vierten Geburtstag sich grammatische Fehler wie etwa falsche Satzstellungen häufen, die Aussprache schwer verständlich ist, das Kind nur über einen sehr geringen Wortschatz verfügt und Aufforderungen nicht versteht. Statt einen lebendigen Austausch mit ihren Kindern zu suchen, sich also mit ihnen zu unterhalten, ihnen vorzulesen oder mit ihnen zu spielen, ziehen viele Familien heute die stumme „Unterhaltung“, den Fernseher, vor. Kein Wunder also, dass etwa ein Viertel aller deutschen Kinder im Vorschulalter sprachauffällig sind. Es ist wichtig, eine solche Sprachstörung rechtzeitig zu erkennen, damit die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes nicht beeinträchtigt wird.
Wenn die Sonne abends untergeht, mag ein Zweieinhalbjähriger fest davon überzeugt sein, dass sie sich schlafen legt. Die Erfahrung, dass die Sonne tagsüber stets über ihm steht, auch wenn er sich weiterbewegt, verleitet ihn vielleicht zu der Annahme, dass sie ihm folge. Diese Art zu denken ist typisch für das Vorschulkind. Es ordnet seine Beobachtungen nach anderen Merkmalen ein als ein Erwachsener: Weil die Sonne sich bewegt, ist sie lebendig. Ein anderes Beispiel: Das zweijährige Kind zerschneidet das heißbegehrte Stück Schokolade, das es von der Oma bekommen hat, mit viel Mühe in viele winzige Teile. Es ist fest davon überzeugt, dass es dadurch die Menge der Schokolade erhöht.
Gegenüber dem zweijährigen Kind zeigt das dreijährige Kind beim Turmbau-Spiel häufig ein Verhalten, das man „ehrgeizig“ nennen könnte. Es versucht, einen möglichst hohen Turm zu bauen. Stürzt dieser früher ein als geplant, ist das Kind traurig. Gelingt es ihm, einen höheren Turm zu bauen als sein Spielpartner, reagiert es mit Stolz. Es setzt seine eigene Leistung in Beziehung zu der Leistung seines Spielpartners. Psychologen sprechen vom „sozialen Vergleich“. Dieser Wettbewerb mit dem Spielpartner regt das Kind an, Leistung zu erbringen. Das Kind wird dabei vor allem von Aufgaben motiviert, die ihm weder zu schwierig noch zu leicht erscheinen. Sind sie zu schwierig, traut es sich nicht heran, sind sie zu leicht, könnte das Kind ihre Bewältigung nicht als Ergebnis seiner Tüchtigkeit verbuchen.
Wenn Sie als Eltern Ihr Kind dazu anregen wollen, Leistungen zu erbringen, auf die es stolz sein kann und die sein Selbstvertrauen stärken, dann ist es wichtig, dass Sie es weder über- noch unterfordern. Spiel und Spaß sollten immer noch im Vordergrund stehen. Ein Kind, das starke Ängste vor Misserfolgen hat, können Sie jedoch dadurch motivieren, dass Sie zunächst leichtere Aufgaben stellen und erst allmählich schwierigere. Das Erfolgserlebnis für das Kind liegt dann darin, dass seine Eltern es loben, weil es besser geworden ist. Entscheidend für die Motivation jedes Kindes, neue Aufgaben zu meistern, ist, wie die Eltern mit Lob und Tadel umgehen. Wird das Kind für jede, auch noch so einfache Aufgabe gelobt, verliert es den Anreiz, sich anzustrengen. Ebenso, wenn es zu wenig gelobt oder ausschließlich getadelt wird.
Im Alter von etwa drei Jahren beginnen Gleichaltrige für das Kind eine immer bedeutendere Rolle zu spielen. Man sagt, das Kind sei „kindergartenreif“. In Kindergarten oder Spielgruppe sucht es gezielt den Kontakt zu anderen, und aus dem anfänglichen Nebeneinander-Spielen wird ein Miteinander-Spielen. Konzentrationsvermögen und Ausdauer haben sich nun so weit entwickelt, dass auch längere Beschäftigungen und Spielsequenzen von etwa 15 Minuten ohne Unterbrechung durchgehalten werden. In Rollenspielen erprobt sich das Kind in verschiedenen sozialen Zusammenhängen. Der Eintritt in den Kindergarten oder eine Spielgruppe fordert vom Kind außerdem eine verstärkte Loslösung vom Elternhaus: Es lernt, auch ohne die nahen Bezugspersonen auszukommen und sich in einer anderen als der häuslichen Umgebung zurechtzufinden. Dies ist für die Entwicklung der Selbständigkeit von entscheidender Bedeutung.
Dabei prallen innerhalb der Gruppe häufig die unterschiedlichen Bedürfnisse aufeinander: Das Kind entwickelt allmählich Verhaltensweisen, die ihm erlauben, mit Konflikten umzugehen. Um sie untereinander positiv zu lösen, müssen Kinder lernen, sich in die Gefühlswelt anderer hineinzuversetzen. Die noch starke Ichbezogenheit des zweijährigen Kindes weicht im Vorschulalter der zunehmenden Fähigkeit, sich einzufühlen. Das heißt, dass es sich mehr und mehr in andere hineindenken und auch deren Bedürfnisse berücksichtigen kann.
Wenn es seine Umwelt beurteilt, ist ein Kind vor dem siebten oder achten Lebensjahr jedoch nur eingeschränkt in der Lage, Aussagen und Gefühle anderer Menschen bewusst wahrzunehmen und entsprechend zu berücksichtigen. Es betrachtet die Welt viel mehr noch als das Schulkind aus dem eigenen Blickwinkel. Im Rahmen der Gruppe lernt das Kind auch, sich an dort geltende Regeln und Gebote zu gewöhnen – eine Voraussetzung, die auch für den späteren Schulbesuch wichtig ist.